Armut trifft Sound ...
Die Geschichte der Cigar Box Guitars
Cigar Box Guitars (CBG) haben eine lange Tradition, waren zwischenzeitlich komplett verschwunden und gewannen erst mit dem Wiedererstarken der Akustik-Szene in den Nuller-Jahren wieder an Aufmerksamkeit – und heute gehört es schon fast zum guten Ton, auch mal einer ehemaligen Zigarrenkiste Töne entlocken zu können.
Cigar Box Instrumente haben aber auch eine politische Dimension; denn wenn es ein poor man's instrument gibt, dann ist es doch eins, das “einfach mal so” aus einer Zigarrenkiste gebaut werden kann. Während Gitarren im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Instrumente für Eliten waren, kostete eine CBG praktisch kein Geld und war für jedermann/frau erschwinglich. Sein Konzept ist einfach: die Reduzierung eines Saiteninstruments auf seine rudimentärsten Eigenschaften, das zudem jeder handwerklich halbwegs Begabte selbst bauen kann. Eine Cigar Box Guitar (oder eine CG-Geige, -Banjo etc.) folgt zudem grundsätzlich keinen Regeln und kennt keine Grenzen … weder beim Bau, der Konstruktion noch der Musik, in der sie eingesetzt wird. Und wurde im Laufe der Zeit vom Notnagel zum Blues-Kult.
Erst Kiste, dann Gitarre
Die ersten Zigarrenkisten-Gitarren sind ab etwa 1850 gebaut worden. Dieses Datum kann man deshalb so gut bestimmen, weil erst ab dieser Zeit die Zigarrenhersteller überhaupt begonnen haben, ihre Produkte in kleine Holzkisten zu verpacken. Der aus Deutschland stammende Bankier Hermann Hupmann gilt als der Erfinder der Zigarrenkiste. Er, der kubanische Zigarren angeblich so sehr verehrte, dass er im frühen 19. Jahrhundert nach Kuba ausgewandert war, verschenkte regelmäßig an seine Bank-Direktoren köstliche Zigarren in kleinen, bedruckten Holzkisten. 1844 ließ er sogar seine eigene Marke H. Upmann registrieren; H.-Upmann-Zigarren, die auch heute noch aus Kuba kommen, zählen bis heute zu den bekanntesten und am meisten geschätzten Zigarrenmarken dieser Welt. Um seine Zigarren von Kuba aus unbeschadet in die restliche Welt exportieren zu können, ließ Hupmann die Ware ebenfalls in kleine Holzkisten verpacken. Die meisten dieser Zigarrenkisten waren aus Zedernholz gebaut. Dieses Holz verhindert, dass die Zigarren austrocknen, fördert eine nachträgliche Reifung und hält dank seines natürlichen Aromas Schädlinge fern.
Es gibt das Gerücht, dass John F. Kennedy, kurz bevor er das US-Embargo gegen Kuba verhängte, seinen Pressesprecher beauftragt haben soll, 1000 Petit-Upmann-Zigarren aus Kuba zu besorgen. Erst als dieser Auftrag erfolgreich ausgeführt worden war, soll er das Embargo unterzeichnet haben - in der beruhigenden Gewissheit, die nächste Zeit nicht auf seine Lieblings-Zigarren verzichten zu müssen.
Look & Style
Zigarrenkisten vertreten einen bestimmten Design-Stil mit viel Ausdruck. Schon Hermann Upmann ließ seine Zigarrenkisten mit dem Wappen seiner Bank bedrucken. Im Lauf der Zeit haben die einzelnen Stilmittel zur Verzierung einer Zigarrenkiste exakte Bezeichnungen bekommen. Cubierta steht z. B. für einen Aufkleber, der sich in der Mitte des Zigarrenkisten-Deckels befindet. Oder Vista, die Verzierung, die sich auf der Innenseite des Deckels befindet. Filetes heißen dagegen die verzierten Papierstreifen, die an den Kanten angebracht sind und die die Kiste versiegeln.
Bei guten (oder gut gefälschten) Marken-Zigarren befindet sich auf der Rückseite der Kiste meist ein Brandstempel des Zigarren-Herstellers. Außerdem tragen oft Aufschriften auf den Zigarrenkisten Informationen zur Herkunft, zur Art und zum Produktionszeitraum des Inhalts. Daneben existieren Fabrikcodes, mit denen die Herkunft von Zigarren genauer bestimmt werden kann.Zigarrenkisten-





Make Music, Not War
Das National Cigar Box Museum im amerikanischen York/PA meint, dass der erste Beweis der Existenz eines Zigarrenkisten-Instruments eine Skizze aus den Zeiten des Civil War (1861-1865) darstellt, die einen Soldaten mit einer Zigarrenkisten-Geige zeigt. In dem American Boy’s Handy Book von 1890 befand sich bereits eine Bauanleitung für ein Zigarrenkisten-Banjo.
Vor allem im Süden der USA hatte im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts kaum jemand das Geld für richtiges Instrumentarium. So waren vor allem die Jug- und Blues-Bands mit Cigar-Box-Instrumenten ausgestattet und formten zusammen mit dem Besenstiel-Bass und Mundharmonika den typischen Jug-Sound.
In den Zeiten der amerikanischen Depression in den 1930er-Jahren erlebten die Cigar Box Guitars, Fiddles und Banjos dann ein starkes Revival und unzählige, meist schwarze Musiker spielten sich den alltäglichen Blues auf diesen Instrumenten von der Seele.



Erst Kiste, dann Gitarre
Bei einer Cigar Box Guitar stellt die Zigarrenkiste den Resonanzkorpus der Gitarre dar. Der meist schön beklebte Deckel liegt oben und firmiert als Gitarrendecke. Steg und Saitenhalterung sind oft rudimentär einfach gehalten – grobe Nägel oder Schrauben, manchmal auch eine kleine Gewindestange als Steg reichen aus. Der Hals ist oft auf einen Querbalken, der im Inneren der Kiste sitzt, geschraubt und war in seinem früheren Leben entweder ein Besenstiel oder ein Kantholz.
Soll die CBG verstärkt gespielt werden, kann ein Transducer als Pickup verwendet werden, der sich meist auf der Rückseite des Deckels befindet. Oder es wird ein magnetischer Pickup direkt auf die Decke geschaubt. Die Stimmung einer Cigar Box Guitar ist total beliebig – meistens ist es eine offene, weil sie auch gerne per Slide gespielt wird. Seasick Steve z. B. spielt seine dreisaitige Gitarre gerne in einer speziellen G-Stimmung mit den Tönen G, G (nach oben oktaviert) und H. Aber alles ist möglich, alles geht!
Es gibt einsaitige bis sechssaitige CBGs - mit bebundeten oder fretless Hälsen, mit Saitenlagen, die das Greifen von Tönen oder nur das Slide-Spiel erlauben. Eine CBG versprüht grundsätzlich immer den wilden Hauch von Anarchie und setzt sich wunderbar gegen andere Instrumente durch.
Jede Cigar Box Guitar spielt sich anders – vor allem der Hals fühlt sich komplett anders an, denn manchmal wurde ein Besenstiel, ein anderes Mal ein Kantholz dafür hergenommen. Aber egal – für den Sound einer gut verstärkten Cigar Box Guitar lohnt es sich zu leiden. Vor allem produziert sie an einem übersteuerten Amp und per Slide gespielt, einen urtümlichen, authentischen Blues-Sound, wie ihn eben nur solch eine Gitarre erzeugen kann.
Selbst bauen
Wer sich selbst eine Cigar Box Guitar bauen will, der findet auf YouTube viele Tutorials. Aber vorher gilt es, die Beschaffungsfrage für eine schöne Kiste zu klären. Denn in unserer Zeit verunzieren hässliche Aufkleber mit Todes- und Krankheitswarnungen jede ansonsten noch so schön gestaltete Zigarrenkiste. Auf ebay.de oder kleinanzeigen findet man manchmal noch Kisten ohne „Gesundheits“-Sticker, aber auch die konkrete Nachfrage beim Rauchwaren-Händler nach alten Lagerbeständen kann Erfolg haben - wenn es denn solch einen Laden in eurer Nähe noch gibt.


Es gibt tatsächlich einige wenige Länder, in denen diese Warnhinweise nicht Pflicht sind, oder wenn, dann nur in dezenter Art und Weise, wie z. B. als reine Texthinweise. Kuba gehört dazu, China, Schweiz und auch die USA, wo dies interessanterweise nur für Premium-Marken gilt.
Wie auch immer: Wer sich eine Zigarrenkisten-Gitarre bauen will, wird Mittel und Wege finden, sich eine schöne Kiste zu besorgen. Ich finde, in jedem Wohnzimmer sollte solch ein Instrument sein, denn es macht einfach und immer Spaß - wie z.B. eine Ukulele auch - und erzeugt eine positive Stimmung. Probiert es aus!
Links zu Dokus, Selbstbau und Musiken
Eine Doku über die Cigar Box Guitar (ca. 28 min.):
Samantha Fish live (2021):
Seasick Steve live (2024):
Eine mit mehr als 10 Folgen sehr ausführliche Bauanleitung eines gewissen Chickenbone John:
Die rudimentärste Bauanleitung für eine CBG, die ich kenne:



